Warum mir diese Geschichte gerade heute einfällt, hat zwei Gründe. Zum einen sah ich vorhin den „Großen Flüchtlingsreport Österreich“ (aufgezeichnet und wegen Zeitmangel erst heute dazu gekommen, die Sendung anzuschauen). Dabei wurde mir wieder einmal bewusst, wie wichtig die Wohnumgebung für eine gelungene Integration ist. Kein Wohnheim, kein Ghetto, kein bestimmter Stadtteil, sondern mitten unter uns. Zum anderen spielt die Integrationsgeschichte 1965 in einer der drei Augsburger Osterfeldstraßen, und was wäre an Ostern passender als eine Erinnerung an eine Straße dieses Namens und ihre Bewohner?

Wir gehen zurück ins Jahr 1965, vielleicht auch ein Jahr davor oder eins danach, so genau weiß ich es nicht mehr. Im Augsburger Stadtteil Kriegshaber lebte meine Großtante im Dachgeschoss eines einfachen Siedlerhäuschens. Das Haus befand sich in der Oberen oder Mittleren oder Unteren Osterfeldstraße, auch das weiß ich nicht mehr sicher. Google sagt aber, es muss die Untere gewesen sein, denn gegenüber befand sich eine Metzgerei, und die lässt sich im Netz finden. Besuche bei meiner Großtante waren immer spannend. Das lag nicht zuletzt an besagter Metzgerei. Tante Lisi half ab und zu in der Metzgerei aus und hatte immer Wurst im Kühlschrank.

Im Erdgeschoss wohnten die Eigentümer des Hauses, ebenfalls verwandt, die mit noch mehr Köstlichkeiten aufwarten konnten. Tante Thea aus dem Erdgeschoss ging putzen und brachte gleichfalls Beute mit nach Hause. Ihre Putzstelle war „bei den Amis“. Augsburg hatte damals mehrere Wohngebiete für die amerikanische Besatzung, Cramerton, Centerville, Fryar Circle und Sullivan Heights.

In die Familie brachte diese Putztätigkeit einen Hauch der großen weiten Welt. Tante Thea servierte bunte Getränke, bestehend aus Wasser und amerikanischem Getränkepulver, es gab Eis aus riesengroßen Plastikbehältern und Schnellgerichte, die man nur in den Ofen schieben musste. Sie präsentierte manchmal Lippenstifte und steuerfreie Zigaretten aus dem PX oder andere tolle Sachen, die wir bestaunten und bewunderten. Sie selbst war sehr stolz auf ihre Tätigkeit und vor allem auf ihre Englischkenntnisse. „I’m a cleaner“, sagte sie, „bei se officers.“ Wir bewunderten auch die Englischkenntnisse, ich allerdings nur bis 1967. In der fünften Klasse hörte ich zum ersten Mal, wie „th“ wirklich klingen musste. Zu Tante Thea durfte ich das nicht sagen, sie wäre dann beleidigt gewesen. Immerhin: Wo sie doch so weltgewandt war und Tag für Tag den Officers den Dreck wegwischte!

Um 1965 herum war es mit ihrer Weltoffenheit plötzlich vorbei. Meine Großtante Lisi beschloss nämlich, in ihrer Dachwohnung ein Zimmer unterzuvermieten. Sie hatte unterm Dach drei Räume und ein Klo mit Waschbecken zur Verfügung (das Bad für alle Hausbewohner war im Keller). Eine Wohnküche, ein Schlafzimmer und ein leeres Zimmer. Eigentlich wollte sie dort immer mal ein Wohnzimmer einrichten, aber das Geld war knapp, außerdem gab es Probleme mit der Heizung. In der Wohnküche bullerte ein Kohleofen vor sich hin, die beiden anderen Zimmer waren mit je einem Ölofen ausgestattet. Tante Lisi hatte Schwierigkeiten, die volle, schwere Ölkanne aus dem Keller nach oben zu tragen, ihr reichte schon die Schlepperei mit den Kohlen. Also blieben Schlafzimmer und geplantes Wohnzimmer im Winter kalt. Die Untermieter waren aber jung und Tante Lisi meinte, die könnten doch das Heizungsöl nach oben tragen, und überhaupt sei es doch dumm, wenn ein ganzes Zimmer leer stünde. Der Haken: Die Untermieter waren aus Griechenland. Das wollte Tante Thea nicht. Wo käme man denn da hin, wenn man sich nicht mal unterhalten kann!

Tante Lisi lenkte ein. Zunächst würde nur der griechische Familienvater einziehen. Der könne vielleicht, wahrscheinlich, sicher Englisch, das sei ja Weltsprache, dann wären die Sprachprobleme mit Tante Thea erledigt (O-Ton Tante Lisi: „Wenn du englisch kannst, dann kann das der Grieche schon lang. Mindestens so gut wie du.“ Tante Thea: „Ja und du, wie redest du mit dem?“ Tante Lisi: „Das sehen wir dann schon.“) Frau und Kind kämen erst später nach, er müsse sich ja erstmal zurechtfinden. Das passte Tante Thea auch wieder nicht. Ohne Frau! Ob das wohl klappte! Tante Lisi blieb hartnäckig. Bei der Metzgerfamilie lebte auch ein ausländisches Paar, die seien sehr fleißig und höflich und nett, er sei zuerst gekommen, ein halbes Jahr später seine Frau. (O-Ton Tante Thea: „Das sind Italiener! Das geht ja gerade noch! Aber Griechen!“)

Das schlagende Argument war schließlich das Geld. Untermiete = mehr Geld für Tante Lisi = mehr Geld für Tante Thea. Die Weltoffenheit kehrte zurück und Tante Thea gab ihre Zustimmung zur Untervermietung. Tante Lisi nähte Vorhänge und organisierte Betten, einen Tisch, Stühle und einen Kleiderschrank. Eine richtige Kochgelegenheit gab es in dem Untermietzimmer nicht, nur eine elektrische Kochplatte, die auf dem Tisch stand. Tante Lisi wischte die Einwände Tante Theas weg: „Der kann bei mir essen, der Grieche. Ich koch ja sowieso.“

Dann kam der Grieche. Er konnte kein Wort deutsch, Tante Lisi natürlich kein Wort griechisch, mit Englisch sah es bei beiden schlecht aus. Aber egal. Der Grieche arbeitete bei der MAN, half im Garten, reparierte ein altes Fahrrad, fegte Laub, schippte Schnee, schleppte Kohle und Ölkannen und aß meistens bei Tante Lisi. Nicht wie geplant nach einem halben Jahr, sondern erst zwei Jahre später kamen seine Frau und sein Sohn. Die Griechin konnte ebenfalls kein Wort deutsch, fand aber genauso schnell Arbeit wie ihr Mann. Tante Lisi kümmerte sich um den Bub, der damals noch nicht zur Schule ging, er muss so ungefähr vier, fünf Jahre alt gewesen sein. Der Bub sprach nach einem Jahr Deutsch – pardon: Augsburger Dialekt.

Beim Kochen gab es Veränderungen. Die Griechin nutzte die elektrische Kochplatte nur für Kaffee oder kleine Gerichte. Oft kochte sie bei Tante Lisi. Es roch jetzt im ganzen Haus anders: Mehr Gewürze, mehr Knoblauch, mehr Olivenöl. Manchmal kam Tante Thea zum Essen. Schon was anderes als diese amerikanischen Fertigsachen, meinte sie dann anerkennend. Aber auch die Griechin erweiterte ihre Kochkünste und Sprachkenntnisse. Sie konnte sich die ganzen Jahre über nicht richtig auf deutsch unterhalten – nur die Bezeichnungen fürs Essen und für Lebensmittel, die beherrschte sie nach kurzer Zeit mühelos. Die restliche Kommunikation fand bruchstückhaft, mit Händen und Füßen statt. Der Bub wurde zum Übersetzer, so klappte alles recht gut. Der Grieche tat sich mit der Sprache leichter, nur die schriftlichen Sachen blieben schwierig.

Der Bub wurde eingeschult, für die Griechin ein großer Anlass zur Sorge. Bisher wusste sie ihn gut aufgehoben, wenn sie arbeiten ging. Er war unter der Aufsicht von Tante Lisi, spielte im Garten oder im Zimmer. Sie arbeitete halbtags, war jedoch zum Schulschluss noch nicht zurück. Doch auch hier war auf Tante Lisi Verlass. In den ersten Wochen holte sie ihn mittags von der Schule ab, bis er den Weg allein beherrschte. Sie bekochte ihn und trieb ihn zum Hausaufgaben machen an. Manchmal vergaß sie auch, dass der Bub für die Schule lernen sollte, und backte mit ihm stattdessen Marmorkuchen und kochte Pudding. Der Bub wurde zu dem Enkel, den Tante Lisi nie hatte. Er nannte sie allerdings nie Oma, sondern so, wie wir es alle taten, auch seine Eltern: Tante Lisi.

Nein, es war nicht immer nur eitel Sonnenschein in der Unteren Osterfeldstraße. Die Griechin schimpfte über die viele Wurst in Tante Lisis Kühlschrank – der Bub wollte ja gar kein Gemüse mehr essen! Beim wöchentlichen Putzen der Treppe wurde sie von Tante Thea erwischt, wie sie einfach Wasser von oben nach unten kippte, statt ordentlich jede Stufe zu schrubben. Der Grieche kaufte ein altes Auto, das nahm Tante Thea mit Neid zur Kenntnis. Dann fuhr die ganze Familie auch noch mit der alten Klapperkiste nach Griechenland auf Urlaub, vollbepackt bis obenhin, unglaublich, wo sich doch Tante Thea weder Auto noch Urlaub leisten konnte. Der Bub schoss mit dem Fußball mehrere Fensterscheibe kaputt und klaute amerikanisches Getränkepulver aus Tante Theas Küche. Die Griechin war zu lang im Bad und wusch sich jeden zweiten Tag die Haare (Wasserverschwendung!), der Grieche zog seine Schuhe nach der Gartenarbeit nicht schon vor der Haustür aus, sondern stieg damit einfach die Treppe hoch. Tante Thea schaffte ein Telefon an und überwachte die Telefonate des Griechen mit der Stoppuhr. Es gab den ganz normalen Ärger, den es immer gibt, wenn mehr als ein Mensch in einer Wohnung oder in einem Haus lebt.

Einige Jahre danach zog die griechische Familie in eine eigene Wohnung, blieb aber im Stadtteil Kriegshaber. Der Bub besuchte Tante Lisi am Anfang oft, dann seltener. Die Griechin kam jede Woche und schaute nach, ob Tante Lisi irgendetwas brauchte. Sie war die erste, die bemerkte, dass Tante Lisi nicht mehr alles wie gewohnt schaffte. Dann machte sie Ordnung in der Wohnung, putzte das Klo und bezog das Bett frisch. Erste Anzeichen von Demenz wurden sichtbar. Noch ein paar Jahre später übersiedelte Tante Lisi ins Altersheim. Ich weiß leider nicht, was aus dem Bub und seinen Eltern geworden ist. Ich vermute aber, sie haben alle ihren Weg gefunden.

PS: Eines Tages kam Post aus Griechenland. Eine Ansichtskarte, ungelenke Buchstaben, adressiert an „Tante Lisi, 8900 Grieshaber, Deutschland“. Dass diese Karte tatsächlich im richtigen Briefkasten landete, liegt daran, dass meine Großtante in ihrem Stadtteil und in der Nachbarschaft sehr bekannt war. Es stimmten nur die Postleitzahl, damals noch vierstellig, der Vorname und das Land. Es liegt daran, dass der Postler beim Sortieren wusste, wer gemeint war. So etwas funktioniert nur, wenn wir uns kennen und aufeinander achten.

In diesem Sinne: Frohe, friedliche Ostern und ein paar Gedanken darüber, wie Integration gelingen kann. Könnte. Wenn wir nur wollen.

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