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Ab heute ist hitzefrei – im Wortsinn, zehn Grad weniger als gestern, endlich. Was sich das Wetter in diesem Sommer geleistet hat, eine Hitzeelle nach der anderen, war für mich nicht mehr lustig. Ich gehöre nun mal nicht zur „Manche mögen’s heiß“-Fraktion. Trotzdem habe ich versucht, mir das Jammern weitestgehend zu verkneifen. Denn in Zeiten wie diesen fällt es schwer, ja erscheint mir nahezu ungehörig, sich über zu heißes Wetter zu beschweren, wenn man Wohnung, Wasser, Dusche und Ventilator besitzt. Überhaupt: Wir haben ja alles. Unvorstellbar, dass nur wenige Kilometer entfernt Menschen unter unwürdigsten Bedingungen untergebracht sind.

Alles rückt so nahe. Der alltägliche Albtraum entlädt sich in Meldungen, die so unfassbar sind … 71 Menschen sterben in einem Lastwagen, obwohl sie nichts möchten als Frieden und Freiheit und Leben. Stacheldrahtzäune und Mauern werden errichtet. In meiner Facebook-Flüchtlingsgruppe überstürzen sich die Beiträge, ich lese alles, die Tränen sitzen locker. Ich bin dünnhäutig in den letzten Tagen. Jemand schreibt: Träumt, so weit ihr kommt. Ein sonderbarer Wunsch, oder doch nicht? Wovon träumen die, die fliehen? Von einem sicheren Ort, Zuflucht. So weit sie kommen. Viele kommen nicht an.

Mein kleiner Enkel nickt verständnisvoll, als ich beim Abendessen sage: „Du musst das Brot auch essen, nicht nur den Käse und die Wurst.“ Er sagt mit gerade mal drei Jahren: „Andere Kinder haben nichts zum Essen. Die haben Hunger.“ Und schiebt sofort nach: „Kann ich noch Sotomate haben?“ Man kann ihm tausendmal sagen, dass es Tomate und nicht Sotomate heißt, es nützt nichts. Mittlerweile sagen wir alle Sotomate. Nach dem Essen gucken wir Ice Age, eine kleine optische Abkühlung, ich freu mich über jede Schneeflocke.

Wir leben im Überfluss, und ich möchte mich darauf einstellen, davon abzugeben, zu teilen – nicht weil ich muss, sondern weil ich will. Ich war beim Spenden sortieren, als das Wetter noch erträglich war, dann wurde es so heiß, dass ich mich nur noch verkrochen habe. Schon komisch, da kommt man unbeschadet durchs Klimakterium und kriegt die Hitzewellen trotzdem ab. Jetzt wird es kälter, und ich habe das Gefühl, ich will viel mehr tun – und kann jetzt auch wieder. Danke an alle Hitzeresistenten, die in diesem glühend heißen Sommer immer wieder nach Traiskirchen gefahren sind und geholfen haben!

Am Montag ging alles durcheinander. Zwischen Aufträgen und Eiskaffee mal den Fernseher angemacht und gesehen, was in Ungarn am Bahnhof los ist. Meine Tochter fragt, ob ich abends zur Demo gehe. Nein, mir ist es zu heiß, es ist niemandem gedient, wenn ich umkippe. Aber sie war dort und hat mir einen Bericht geschickt.

I thank you that you give me the chance to complete my life.

Zurück von der Demo – und mit einem Tag Abstand ein kleiner Rückblick auf den gestrigen Abend. Es war sehr anstrengend gestern, sowohl körperlich als auch emotional. Gut, ich hatte auch vorher nichts gegessen, und auch nichts zu trinken dabei, da waren andere deutlich besser vorbereitet. Allerdings hatte ich einen echt guten Platz, ziemlich weit vorne, Bühne gut im Blick und hab bei den Reden auch alles verstanden. Von jung bis alt war alles dabei. Dass so viele Menschen gekommen sind, ist mir da noch gar nicht aufgefallen. Erst viel später, als es nach den (langen) Reden dann losgehen sollte, hab ich gemerkt, dass da nicht nur 2000 Leute waren… Bis die endlich mal losgegangen sind, hat es sicher 15 Minuten gedauert.

Ich habe mich zwischendurch mit Essen und Trinken versorgt, und als ich nach der Verpflegungspause wieder auf der MaHü war, sind immer noch Demonstranten vorbei.

Es war wirklich beeindruckend, geheult hab ich auch fast, bei der Rede einer jungen Syrerin – da wird einem bewusst, dass es nicht um irgendwen geht, sondern um Menschen, die einfach nur leben wollen. Sie sagte (und den Satz hab ich mir gestern direkt aufgeschrieben): „I thank you that you give me the chance to complete my life.“ Um mehr geht es nicht.

Danke dir!

Gesammelt im Netz – zum Nachlesen

Rede auf der Demo „Mensch sein in Österreich“ / Alexander Pollak

DANKE
Danke, dass heute so viele von euch gekommen sind. Es ist wichtig, dass ihr hier seid. Es ist wichtig, dass wir heute hier ein Zeichen gegen den menschenunwürdigen Umgang mit Asylsuchenden und gegen unerträgliches politisches Versagen setzen.

APPLAUSMINUTE
Es hat in den letzten Tagen viele Schweigeminuten gegeben, bei denen wir der Toten gedacht haben, bei denen wir den Angehörigen unser Beileid bekundet haben. Ich möchte Euch heute um etwas anderes bitten, um eine Applausminute. Eine Applausminute für alle, die sich in den vergangenen Tagen und Wochen so großartig für Menschen in Not eingesetzt haben.

ES BRAUCHT EUCH
Es braucht Euer Engagement angesichts einer Politik, die vergessen hat, dass die Achtung der Menschenwürde an erster Stelle zu stehen hat.

Es braucht euch und andere Menschen, die sich nicht von Angstmache, Rassismus, Nationalismus und Egoismus anstecken lassen.

Es braucht ein starkes Gegengewicht zu Parteien, die mit Hass, Lügen und Menschenverachtung Politik machen.

HERAUSFORDERUNG
Und es braucht Menschen, die zeigen, dass wir gemeinsam die Herausforderungen dieser Tage meistern können.
Denn es steht außer Frage, dass die momentane Situation eine enorme Herausforderung darstellt. Für Österreich, für Europa, aber ganz besonders für die Flüchtlinge selbst.

WÄHREND WIR HIER STEHEN….
Während wir hier sind, kürzt die UNO ihre Hilfe für Flüchtlinge im Libanon und Jordanien, weil die Staatengemeinschaft, weil auch Österreich nicht genug Geld bereitstellt. Zigtausende Kinder und Jugendliche erhalten in Flüchtlingslagern kaum Bildung und keine Ausbildung. Jetzt werden sogar die Essensrationen gekürzt.

Deshalb machen sich Hunderttausende auf den Weg nach Europa.

Während wir hier stehen, sind diese Menschen zu Fuß, auf Booten, in Autos Richtung Europa oder bereits in Europa unterwegs. Tausende warten in diesem Moment am Bahnhof in Budapest, um Richtung Westen weiterfahren zu können.

KEINE ARMEN HASCHERLN
Diese Flüchtlinge haben Unvorstellbares durchgemacht und sie haben noch viele Strapazen, Risiken und Schwierigkeiten vor sich. Aber diese Flüchtlinge sind keine armen Hascherln. Sie sind Menschen mit Stärken und Schwächen, mit konkreten Bedürfnissen und Zielen. Menschen, die Respekt verdienen und mit denen wir auf einer Augenhöhe kommunizieren sollten.

ES LIEGT AN UNS!
Es liegt an uns, wie wir diesen Menschen begegnen. Es liegt an uns, wie wir die Herausforderung, der Aufnahme der Flüchtlinge meistern.

Wenn wir eine Bunkerhaltung einnehmen, wenn wir Flüchtlinge als Belastung abtun, wenn wir glauben, dass Abschottung und Abwehr Heilsbringer sind, dann werden wir versagen, dann werden viele Menschen ins Unglück stürzen und auch uns selbst unglücklich machen.

Wenn wir die Herausforderungen dieser Tage meistern wollen, dann müssen wir bereit sein zu mehr Offenheit, zu mehr Hilfeleistung, zum Teilen, zum Investieren und zum Dazulernen. Wir müssen bereit sein, mit Veränderung umzugehen. Und wir müssen bereit sein, Menschenrechte und Menschenwürde entschlossen zu verteidigen.

SCHLEPPER
Ein Wort noch zum Thema Schlepper: Schlepper, die Menschen fahrlässig ersticken, verdursten oder ertrinken lassen, die Menschen ausbeuten, nötigen und desinformieren, begehen schwere Verbrechen. Doch es sind diese Schlepper, diese Transporteure, die derzeit die Einzigen sind, ich wiederhole, die Einzigen sind, die Flüchtlingen berechtigte Hoffnung geben, in ihre Zielländer zu gelangen.

Diese Schlepper, diese Transporteure sind das Sinnbild einer heuchlerischen Politik, einer Politik, die zum Kampf gegen Schlepperei aufruft, aber zugleich dafür sorgt, dass Flüchtlinge keine andere Wahl haben, als die Dienste von Schleppern in Anspruch zu nehmen.

LEGALE FLUCHTWEGE
Es braucht legale und sichere Fluchtwege nach Europa und nach Österreich. Es braucht eine europäische Lösung, die es Menschen ermöglicht, nicht nur in der EU, sondern bereits außerhalb der EU einen Asylantrag zu stellen und legal und sicher einzureisen.

KEINE AUSREDE
Das bisherige Fehlen einer gesamteuropäischen Lösung darf jedoch keine Ausrede dafür sein, die Menschenwürde in Österreich zu vernachlässigen, weder bei der Unterbringung noch bei der Einreise.

Wenn die österreichische Bundesregierung wirklich Menschenleben retten will, wenn sie wirklich verhindern will, dass Menschen weiterhin Schleppern ausgeliefert sind, dann muss sie jetzt dafür sorgen, dass Flüchtlinge frei nach Ö einreisen und durch Ö durchreisen können!

Das ist sofort umsetzbar.

APPELL
Ich möchte zum Abschluss einen Appell an Euch richten:

An diejenigen, die sich bereits engagieren. Macht bitte weiter. Indem ihr Unterkünfte bereitstellt, Patenschaften eingeht, Deutschkurse abhaltet, euch konstruktiv in Foren und sozialen Netzwerken äußert, spendet und vieles mehr tut, leistet ihr unheimlich Wichtiges für die Menschen, denen ihr helft, für unsere Gesellschaft, aber auch für euch selbst.

Und an alle, die sich noch nicht engagieren: Bitte macht euch Gedanken darüber, was ihr im Rahmen eurer Möglichkeiten beitragen könnt. Macht euch Gedanken, wie ihr Menschen helfen und die Achtung der Menschenwürde stärken könnt.

Es liegt in unserer Hand, dafür zur sorgen, dass Menschenrechte, Menschlichkeit und Menschenwürde wieder an erster Stelle stehen!

Danke.

PS: Es handelt sich hier um die schriftliche Version der Rede. Live bin ich da oder dort etwas abgewichen.

und Fotos von SOS Mitmensch

http://www.sosmitmensch.at/site/home/article/1074.html

und ein Video

https://www.youtube.com/watch?v=RehpR1tj3oY

und noch ein Bericht von wienerzeitung.at

http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/oesterreich/chronik/771867_Eine-Applausminute-fuer-Fluechtlingshilfe.html

So, das ist jetzt sehr lang geworden. Deshalb gibt es über den letzten Teil – TRAUM – einen separaten Beitrag. Schreibe ich heute noch. Update: Ich schreibe immer noch dran (Freitag Abend). Momentan mutiert alles immer mehr zum Albtraum.

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