Freitag Abend, ich übernachte bei den Enkeln. Nach Abendessen, Sandmännchen gucken, Zähne putzen, Geschichte erzählen und Gute-Nacht-Lied ist jetzt dann hoffentlich mal Ruhe. Ich bin müde. Ich will jetzt ein bisschen alleine sein, zur Ruhe kommen, mir geht viel durch den Kopf am Ende dieser Woche. Der kleine schläft schnell ein, der große kommt nochmal aus dem Kinderzimmer. Angeblich, weil er aufs Klo muss, aber eigentlich will er die Stimmung und die Lage testen – ob es klappen könnte, noch eine halbe Stunde herauszuhandeln?

Ich kann nicht schlafen

Ich kann nicht schlafen, weil: ich bin nicht müde. Die ganze Nacht will ich nur Sterne schau’n. Ich will den Himmel sehen und den Mond und nicht ins Bett, weil: ich bin gar nicht müde.

Du willst die Sterne sehen? Ich denk an früher; an eine Nacht, so sternenvoll wie nie. Ich geb mir Mühe, nicht daran zu denken – doch das ist schwer. Die Nacht ist immer da.

Mein Bruder schläft und schnauft so laut, ich hör’s bis hier; ich bin schon groß, ich muss noch nicht ins Bett! Ich will hier sitzen und den Himmel seh’n! Es ist noch hell, was soll ich da schon schlafen!

Du willst den Himmel seh’n? Mir hat man ihn versprochen – vor vielen Jahren, doch gelungen ist es nicht. Himmel auf Erden, was für große Worte. Dumm, wer das sagt, und dümmer noch, wer’s glaubt.

Nein, schlafen mag ich nicht, ich bin nicht müde. Will Lego spielen, darf ich das? Nur noch ein bisschen, was ganz kleines bauen? Ach komm, sag ja, nur bis ich müde bin!

Dir kann ich keinen Wunsch abschlagen, und ich sag: Ja, bau noch was kleines, aber dann wird’s Zeit fürs Bett, versprochen, klar? Ich schau so lang den Himmel und die Sterne an.

Nachdem das Lego-Bauwerk fertig ist, geht er freiwillig ins Bett und schläft ein. Draußen ist es jetzt wirklich dunkel, ich schaue vom Balkon aus hoch zu den Sternen. Hier, über der Stadt, leuchten sie natürlich nicht so hell, aber trotzdem. Stern ist Stern.

Wie friedlich hier alles ist. Wie ruhig, wie schön. Die zwei schlafen. Ich warte eine Viertelstunde, dann gehe ich nochmals ins Kinderzimmer, betrachte höchst verliebt meine beiden schlafenden Enkel. Leise schließe ich die Tür.

Wie geht das eigentlich: Frieden?

Der große sagte am Nachmittag, während eines kleinen Streits unter Geschwistern: „Mein Bruder und ich, wir sind Freunde, auch wenn wir streiten.“ Ist das nicht die Lösung? Die Anleitung zum Frieden? Freunde sein und Freunde bleiben, auch wenn man unterschiedlicher Meinung ist? Friedlich bleiben, wenn einem jemand was wegnimmt? Frieden bewahren, wenn etwas geschieht, das dich in den Abgrund stürzt?

Leider suchen manche immer und immer wieder Streit. Sie suchen nach irgendwelchen Kleinigkeiten, um auf anderen herumzuhacken. Oder auch nach größeren Anlässen, wurscht. Ein Grund dafür könnte sein: Wer sich selbst getreten fühlt, der tritt zurück. In den permanenten Hass- und Hetzbotschaften, die durchs Internet geistern (und natürlich auch durch die dazu gehörigen Köpfe), wird kräftig getreten. Ich behaupte, wer da jetzt auf Flüchtlinge schimpft und tritt, der tat das früher oder parallel mit: hier Feindbild einsetzen, z.B. Obdachlose, Wessis, Ossis, Dicke, Dünne, Frauen, Alte, Schwule, Liste beliebig fortführbar.

Ich muss jetzt wieder mal meine große Dichter- und Liedermacher-Liebe bemühen, der kann’s besser beschreiben, was ich meine, als ich es kann. Text und Lied sind über 30 Jahre alt, aber immer noch/wieder passend.

Konstantin Wecker: Einen braucht der Mensch zum Treten

(erstmals erschienen 1984 auf Inwendig warm; Video aus dem Jahr 1985; zuletzt live gehört am 14. Februar 2015 in Wien)

Wohin soll der Mensch sich wenden,
wenn er mal auf hundertachtzig ist?
Soll er seine Haut verpfänden,
oder wird er besser Terrorist?

Nein, es gibt ein ganz probates Mittel,
um den Alltagsfrust zu überstehn.
Dazu braucht man keinen Doktortitel,
man löst mit einem Türken das Problem.

Einen braucht der Mensch zum Treten,
einen hat er immer, der ihn tritt.
Zwischendurch verbringt er seine Zeit mit Beten,
und ansonsten läuft er irgendwo mit.

Wohin soll der Mensch sich wenden,
wenn er hilflos ist und nicht mehr weiter kann?
Soll er seine Haut verpfänden,
klopft er besser beim Herrn Pfarrer an?

Nein, es gibt ein ganz probates Mittel,
damit löst man diesen Fall geschwind.
Dazu braucht man keinen Chefarztkittel,
man schafft sich eine Frau an und ein Kind.

Einen braucht der Mensch zum Treten,
einen hat er immer, der ihn tritt.
Zwischendurch verbringt er seine Zeit mit Beten,
und ansonsten läuft er irgendwo mit.

Wohin soll der Mensch sich wenden,
wenn er mal ganz oben ist?
Soll er alles an die Wohlfahrt spenden,
oder wird er besser offiziell Faschist?

Nein, es gibt ein seriösres Mittel,
um nicht ganz allein zugrund zu gehn.
Dazu nützt auch mal ein Doktortitel,
man löst mit einem Endsieg das Problem.

Einen braucht der Mensch zum Treten,
und statt daß er sich mal selber tritt,
zieht er lieber – wenn auch ungebeten
alle anderen in seinen Abgrund mit.

Einen braucht der Mensch nun mal zum Treten,
und statt daß er sich mal selber tritt,
zieht er lieber noch mit Pauken und Trompeten
alle anderen in seinen Abgrund mit.

Wie schön wäre es, wenn keiner mehr getreten wird. Wenn niemand mehr jemanden zum Treten braucht. Der Tritt in den eigenen Hintern ist auf jeden Fall eine sinnvollere Trittweise … dann gibt’s vielleicht nicht sofort den großen Weltfrieden, aber bestimmt ein bisschen weniger Streit, Neid, Hass und Leid.

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