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Ich war gestern in Traiskirchen. Das ist eine Kleinstadt 20 km von Wien entfernt, bequem erreichbar mit der Badner Bahn. In Traiskirchen befindet sich das Erstaufnahmezentrum, auch genannt Flüchtlingslager oder Betreuungsstelle Ost für Asylwerber. (An die deutschen Leser*innen: „Asylwerber“ ist ein österreichisches Wort. Es fehlt kein -be- in der Mitte, weil sie sich um Asyl bewerben, es hat auch nichts damit zu tun, dass die um Asyl ansuchenden Menschen FÜR Asyl werben, so wie wir es vielleicht von Zeitschriftenwerbern kennen. Mir sind auch nach 3,5 Jahren viele österreichische Begriffe noch fremd und ungewohnt, aber ich verwende sie trotzdem.)

Anfang Juli hat die Caritas dazu aufgerufen, Sachen zu spenden, die von den Asylwerber*innen dringend benötigt werden. Das Ziel war und ist, für jede und jeden ein Willkommenspaket bereitzustellen. Mit Handtuch, Zahnbürste, Zahnpasta, Duschgel, Shampoo, Rasierschaum, kleinem Spiegel, Schreibzeug, Stifte, Streifenkarte, für Kinder auch mit Bilderbüchern, dazu eine Karte mit einem persönlichen Willkommensgruß. So ein Packerl zusammenstellen geht schnell und kostet nicht viel. Abgeben kann man die Willkommenspäckchen direkt beim Omnibus, der in Traiskirchen vor dem Lager steht, bei CARLA Mittersteig und CARLA Nord in Wien oder auch mit der Post an CARLA Mittersteig, 1050 Wien, Mittersteig 10. Auf der FB-Seite von Wir helfen gibt es einen Aufkleber zum Ausdrucken und Ankreuzen, es sollte auf den Packerln stehen, ob der Inhalt für Männer, Frauen oder Kinder ist.

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Aktuell gebraucht werden weitere Willkommenspakete, außerdem dringend T-Shirts und Jeans für junge Männer im Alter von 13 bis 20 Jahren.

Mehr über die Aktion der Caritas gibt es hier:

Caritas – Omni.Bus – Wir helfen

und auf Facebook:

Omni.Bus – Wir helfen

Die Aktion Omni.Bus – Wir helfen sucht(e) freiwillige Helfer*innen, die am Bus Spenden entgegennehmen und beim Sortieren helfen. Man kann sich in einer Liste eintragen, jeweils für zwei Stunden oder auch mehr. Der Hilfszeitpunkt und -tag ist frei wählbar, ich habe mir den gestrigen Spätnachmittag ausgesucht.

Seit Wochen treibt mich dieses Thema um. Was alles an dummen und bösen Meinungen zum Thema Asyl durchs Netz geistert, finde ich schrecklich. Ich sitze auf meinen Fingern, weil ich nicht bei jedem Hass-Posting, das mir über den Weg läuft, dagegen schreiben will. Zu sehr nerven mich die „Argumente“, die dann unweigerlich kommen: Nimm doch einen Flüchtling bei dir auf. Die haben ja alle ein Smartphone, so schlecht kann’s denen nicht gehen. Meine Großeltern mussten auch flüchten, aber die waren nicht so undankbar. Wieder andere Großeltern sind nicht geflüchtet, sondern haben das Land sofort wieder aufgebaut. Weiter geht’s mit: Grenzen dichtmachen, sind ja sowieso nur Wirtschaftsflüchtlinge, alle abschieben, die sollen doch zu Hause bleiben und ihre Familien schützen. Die ganz üblen Sachen schreibe ich hier nicht. Ich antworte deshalb nicht auf solche FB-Beiträge, weil ich diesen keine Aufmerksamkeit schenken will.

Also am Donnerstag Nachmittag mit der Badner Bahn nach Traiskirchen. Das dauert von meiner Wohnung aus ca. 45 Minuten. Die Bahn quietscht und zuckelt gemütlich vor sich hin, auf halber Strecke geht ein gewaltiges Gewitter runter. Aber in der Bahn sitzt es sich ja warm und trocken. Von der Ausstiegsstelle bis zum Lager sind es nur ein paar Minuten zu Fuß. Mir begegnen ein paar Leute, aber erst in der Otto-Glöckel-Straße wird es lebhafter. Es ist ein eigenartiges Gefühl. Ich habe etliche Bilder im Internet gesehen, real ist die Wirkung jedoch ganz anders. Bedrückend und beklemmend, obwohl der Blick auf das Gelände gar nicht viel Preis gibt.

Ich komme mir vor wie ein Voyeur, ich will hinschauen und doch nicht. Diesen ersten Eindruck zu beschreiben fällt mir schwer. Dann bin ich am Omnibus. Vier Helfer verteilen Ausgabekärtchen, ab Freitag sollen die ersten Pakete verteilt werden. Ich frage mich durch, dann heißt es, eine junge Frau und ich sollen im Pfarrsaal der Kirche St. Margaretha beim Sortieren helfen. Wir könnten zu Fuß hingehen, es würde aber auch gleich jemand mit dem Auto kommen, der Päckchen mitnimmt und uns beide auch.

Während wir warten, werden laufend neue Kartons abgegeben. Viele sind von außen liebevoll gestaltet, mit Herzchen drauf, in schönes Papier gewickelt.

Weiter geht’s in der Pfarre St. Margaretha. Hier sind schon viele fleißig am Sortieren und Packen. Kurze Einweisung, dann befüllen wir Sackerln und Schachteln. Es sollen momentan nur Männerpakete gemacht werden. Vieles ist reichlich da: Shampoo, Papiertaschentücher, Blöcke und Stifte, Zahnpasta, Einwegrasierer. Rasierschaum ist knapp, Handtücher so gut wie vergriffen. Jemand fährt los, noch mehr Handtücher besorgen. Die Stimmung ist gut.

Jetzt gehen allmählich die Zahnbürsten aus. Während wir bei den ersten Päckchen noch darauf geachtet haben, keine rosafarbenen Zahnbürsten in ein Männerpackerl zu legen, ist das jetzt egal. Eine Karton voll Kinderzahnbürsten kommt auf den Packtisch. Da sind immer zwei Bürsten in einer Verpackung, wir schnipseln die Blisterpackungen auf. Es soll für alle reichen und reicht doch nicht. Zwischendurch trifft wieder eine neue Ladung Handtücher ein, die blitzschnell aufgebraucht ist. Damit werden die halbfertigen Päckchen und Sackerl aufgefüllt und verschlossen.

Was manche Leut‘ spenden … also, spenden ist ja grundsätzlich gut gemeint und absolut freiwillig. Aber es wundert einen dann doch, wenn Badeschaum dabei ist – oder Parfum …

Nach knapp zwei Stunden gibt es nicht mehr viel zu tun, ich verabschiede mich und verspreche, dass ich bald wieder dabei bin. Dank meinem hervorragenden Orientierungssinn wandere ich danach noch ein wenig durch Traiskirchen. Wo geht’s nochmal bitte zur Haltestelle?

Ich komme am Türkisch-Islamischen Kulturverein vorbei, hier warten viele aufs Essen. Im Ramadan essen gläubige Muslime erst nach Sonnenuntergang. Man mag das merkwürdig finden, aber ich kenne Leute, die essen am Freitag niemals Fleisch, die fasten vor der Bikini-Saison bis zum Magerwahn, die ergänzen ihr täglich Brot mit der täglichen Rotweinflasche. Bitte: Jeder wie er mag. Dann noch einmal am Erstaufnahmezentrum vorbei. Gegenüber vom Eingang sitzt eine Frau mit zwei kleinen Kindern auf dem Gehsteig. Sie hat eine Wolldecke, eine kleine Tasche, ein Plastiksackerl und ich sehe auch noch einen Babyschlafsack.

Das Aufnahmezentrum ist überfüllt, viele schlafen in Zelten und viele im Freien. So schaut’s aus:

Traiskirchen in der ZIB

Mit der Badner Bahn zurück nach Wien. Eine Dreiviertelstunde Zeit zum Nachdenken. Die Bahn fährt an den Shoppingtempeln der SCS vorbei, große Leuchtschrift: Willkommen in der Shopping City Süd!

Ja, Einkaufen macht Spaß, will ich gar nicht abstreiten. Was Neues, was Schönes, für den Kleiderschrank, für die Wohnung – warum nicht. Aber ein paar Sachen für ein Willkommenspaket einkaufen, verpacken, einen lieben Gruß aufschreiben, ein Herz draufmalen, hinbringen – das ist manchmal mehr wert als eine ausgedehnte Shoppingtour.

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