Das mit der Klappe ist ja so eine Sache. Mal soll man sie aufmachen, mal sollte man sie besser halten. Klappentexte liefern Informationen, die aber oft mehr versprechen als der Inhalt zu halten imstande ist. Klappe die erste/zweite/dritte, so heißt es beim Drehen eines Films, gute Erfindung, damit haben die Darsteller die Chance, einen ersten Eindruck, der ja sonst als entscheidend gilt, beim zweiten, dritten Versuch zu korrigieren.

Ich habe für mich beschlossen, und fahre damit recht gut: Wenn mich was aufregt, stört, belastet: Klappe aufmachen. So wie neulich, als mich die Vorgänge auf Facebook im Zusammenhang mit der Grazer Amokfahrt so aufgeregt haben, dass ich nicht mehr anders konnte. Wenn ich keine oder nur wenig Ahnung von etwas habe: Klappe halten. Das gilt zum Beispiel immer dann, wenn ich Texte über Themen schreiben soll, bei denen ich mich nicht auskenne, wo ich überhaupt nicht Bescheid weiß, und angelesenes Halbwissen gefährlich sein könnte. Etwa bei medizinischen Themen. Im Leben nicht käme ich auf die Idee, in einem Medi-Text irgendwelche Heilversprechungen zu machen. Da hilft auch der Hinweis nicht, dass „das Lesen dieses Textes keinen Arztbesuch ersetzt“. Klar, viele Krankheiten haben mit der Ernährung zu tun. So blauäugig kann man aber doch nicht sein, dass man seinen Lesern ernsthaft vermitteln möchte, der regelmäßige Verzehr irgendeines Gewürzes könne Krebs heilen und Demenz verhindern, nicht mal dann, wenn dieses Gewürz gleichzeitig noch beim Abnehmen hilft und schön macht! Ich bevorzuge in diesem Fall die Variante: Klappe halten.

Aber ich schweife ab, denn ich wollte ja von einer ganz anderen Klappenart berichten. Denn hinter manchen Klappen, diese Erfahrung musste ich neulich machen, verbirgt sich das blanke Grauen.

Zwei Enkel und die Oma und das Klappenbuch „Gefährliche Tiere“

Aufmerksame Leser*innen meines Blogs wissen, dass ich zwei tolle Enkel habe, die sich beim abendlichen von-Oma-ins-Bett-bring-Ritual immer ganz besonders aufs Vorlesen freuen. Neu im kindgemäßen Bücherregal ist das Buch „Gefährliche Tiere“. Das Bilderbuch hat keinen Klappentext, auf der Webseite des Verlags ist allerdings zu lesen: „Dieses Buch führt Kinder auf eine Expedition in die manchmal gefährliche Tierwelt und vermittelt Respekt vor allen Lebewesen, ohne Ängste zu schüren.“

Ha! Das hätte ich mal besser VORHER gelesen, dann wäre ich auf die Idee gekommen, mir das Buch erstmal alleine anzusehen. Weil nämlich: Es sind Spinnen drin, und ich kann keine Spinnen anschauen, oder nur sehr, sehr schwer und sehr, sehr vorsichtig. Wenn Spinnen im Fernsehen auftreten, gucke ich ängstlich durch die Finger, wenn kurz vor Halloween überall Plastikspinnen verkauft werden, gehe ich nicht gern einkaufen. Es geht nicht nur um echte, lebendige, sondern mir graut auch vor Bildern, Fotos und falschen Spinnen. Ist so, da lebe ich schon lange mit. Jetzt zum Vorlese- und Anschau-Buch. Das Buch enthält Bilder von gefährlichen Tieren, allesamt gezeichnet, nicht sonderlich furchterregend. Auf jeder Seite sind nicht nur große Bilder, sondern auch kleine, sorgsam versteckt hinter kleinen Klappen. Beim Vorlesen müssen wir immer unbedingt jede Klappe hochheben und hineinschauen, was sich dahinter verbirgt.

(Kleiner Exkurs: Die zwei haben auch ein Buch dieser Machart über Ritter; da gibt es ein Burgklo, am Rand der Burg in einen Erker eingebaut, und wenn man die Klappe aufmacht, sieht man, wie das Ritterkacki direkt ins Freie purzelt – ein Riesenlacherfolg bei meinen Enkeln, von dieser Klappe können sie gar nicht genug bekommen. Sie machen immer wieder die gleiche Klappe auf, lachen sich halb kaputt und schreien aus voller Kehle „Kacki, Kacki!“)

Zurück zu den gefährlichen Tieren. Wir saßen also zu dritt auf der Couch, ich in der Mitte, einer links, einer rechts, der linke Enkel noch recht wach, der rechte Enkel schon sehr müde. Dazu das Buch. Ich las es zum ersten Mal vor. Die ersten Tiere: kein Problem, Tiger, Haifische, Schlangen. Text dabei, den kürzte ich beim Vorlesen etwas ab, bevor mir der kleine Enkel auf dem Sofa einschlief. Alle Klappen mussten geöffnet werden, der große Enkel sagte bei der dritten erwartungsvoll: „Ist da jetzt ein Haifisch-Kacki drin?“

Dann kam Klappe Nummer weiß nicht mehr. Außen auf den Klappen ist immer ein kleiner, gezeichneter Hinweis, was wohl dahinter stecken könnte, es war bei dieser ein schwarzes, behaartes Bein. Vielleicht ein Puma, dachte ich, machte die Klappe auf und ließ fast das Buch fallen, denn obwohl das Buch gefährliche Tiere enthielt, hatte ich überhaupt nicht mit dieser dicken, fetten, schwarzen Spinne gerechnet. Durch den Zusammenzuckreflex, gegen den ich überhaupt nichts machen konnte, wurde der kleine Enkel wieder wachgeschüttelt.

Ich machte die Klappe SOFORT wieder zu, der große Enkel sagte enttäuscht: „Kein Kacki?“

Der kleine Enkel blinzelte, guckte auf die geschlossene Klappe und fragte: „Kacki?“

Nein, kein Kacki“, sagte ich und blätterte um, was ich besser nicht getan hätte, oder zumindest hätte ich gleich ein ganzes Stück weiterblättern sollen, denn jetzt stellte sich heraus: Die Spinne hinter der kleinen Klappe war nur ein winziger Vorbote des absoluten Grauens. Nun breitete sich ein solches Vieh über die ganze Doppelseite aus. Der kleine Enkel jauchzte fröhlich und rief: „Eine Spinne, schau, Oma, eine Spinne!“

So, jetzt gaaaaanz ruhig bleiben, nicht erschrecken, einatmen ausatmen einatmen ausatmen …

Oma, ist das eine liebe Spinne? Was macht die Spinne da?“

Ja klar, das ist eine liebe Spinne, die lebt da in ihrem Netz und spinnt so vor sich hin …“

Und macht die auch ein Kacki?“

Das Grauen lauert wirklich überall.

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