Dass es richtig war, die Reise abzubrechen, habe ich letzte Nacht wieder zu spüren bekommen. Heute früh war das Knie dick und schmerzhaft, dabei war ich gestern nur einkaufen und davor gab’s einen Mini-Spaziergang. Kurz vor der Abreise hat mir noch jemand „an guadn Hatsch“ (wird mit langem a gesprochen, für alle Nordlichter) gewünscht, sicherlich ohne die Absicht, dass ich momentan nur mehr oder weniger mühsam hatschen kann. Aber jetzt mal zurück an den Anfang. Start war am Montag, 7. April. Diesem Abreisetag ging wochenlanges Vorbereiten und vor allem immer wieder Ein- und Aus- und Einpacken des Rucksack voraus. Ja, es stimmt, dass es auf jedes Gramm ankommt. Deshalb habe ich auch alle Einzelteile gewogen. Beim bekannten Kaffeeladen, der nicht nur Kaffee, sondern auch jede Menge anderes Zeug verkauft, gab es günstig eine digitale Küchenwaage, die habe ich mir geleistet und darauf Dinge gewogen.

Ein kleiner Ausschnitt aus der Wiegeprozedur: Zwei Paar Flipflops – welches ist leichter? (Ich nahm dann gar keins mit). Zwei verschiedene Steine – den Stein sollte man von zuhause dabei haben, um ihn an einer bestimmten Stelle auf dem Camino ablegen zu können. Ich hatte zwei. Einer war der schönere, aber der war auch schwerer: 57 Gramm. Also nahm ich den weniger schönen mit, der wog nur 17 Gramm. Immerhin! 40 Gramm gespart! Abgewickeltes Klopapier. Klar, wer wird denn eine ganze Rolle mitschleppen! Wo dann auch noch die graue Papprolle dabei ist, die man ja sowieso nicht braucht. Gewogen habe ich auch sämtliche Klamotten, die Zahnbürste, den Kugelschreiber und die Nagelschere. Jaja, die Nagelschere … die hat die Reise nur bis zur Flugsicherungskontrolle überlebt. Sie wurde mir weggenommen, bevor ich den Piloten damit be-erstechen konnte. Probieren kann man’s ja. Ehrlich, ich bin zuletzt vor 35 Jahren geflogen, da war die Welt anscheinend noch in Ordung. Man stieg einfach ins Flugzeug ein, niemand wollte den genauen Inhalt des Gepäcks kennen! Dagegen heute … ich fand die Kontrolle aber trotzdem gut, denn diese Prozedur drängte die minimale Flugangst in den Hintergrund, die ich doch ein ganz klein wenig hatte.

Doch bevor es soweit war, kam endlich der Zeitpunkt, an dem ich den Rucksack zum allerletzten Mal gepackt habe. Das letzte Wiegeergebnis: 6,5 Kilogramm. Einiges hatte ich direkt an, das ist jetzt bei diesem Gewicht nicht dabei. Rechnen wir nochmal zwei Kilogramm für Schuhe und Direktklamotten, dann sind es trotzdem nur 8,5 … mit so wenig bin ich sonst nicht mal für ein Wochenende unterwegs. Ich traf aber beim Rückflug jemanden, der wollte mit 3 kg auf den Camino. Allerdings ohne Schlafsack, er verließ sich einfach auf saubere Betten, vorhandene Decken und wollte notfalls in Pensionen übernachten (das mache ich beim nächsten Mal überwiegend auch, aber dazu später mehr).

Als nun endlich alles gepackt war, begann meine Pilgerreise. Die ersten Hürden nahm ich noch problemlos. Zwar war am Flughafen plötzlich mein Personalausweis weg, was mich schon ein wenig verstörte. Ich hatte doch alles hundertfach kontrolliert, ein- und aus- und eingepackt! Vielleicht doch einmal zu oft ausgepackt? Nein, er tauchte rechtzeitig wieder auf. Dann ging ich aufs Klo und habe an dieser Stelle eine ernsthafte Beschwerde an die Wiener Flughafenklobetreiber: Warmes Wasser zum Händewaschen ist schön und angenehm, die Betonung liegt aber bitte auf „warm“ und nicht auf „kochend heiß“. Sehr nett, wenn man schon Seife auf den Händen hat und dann nur Wasser um den Siedepunkt herum aus dem Wasserhahn kommt. Aber so eine Pilgerreise ist keine Vergnügungsfahrt, da gehören Schmerzen einfach dazu!

Nachdem meine Finger wieder einigermaßen auf Normaltemperatur waren, trank ich noch Kaffee und begab mich dann zu dieser ominösen Fluggast- und Gepäckdurchsuchungs- und Durchleuchtungsstation. Sie brachten den Inhalt meines Rucksacks durcheinander, entdeckten außerhalb eines Plastikbeutels die Tube mit dem Hirschtalg für die Füße und nahmen mir, wie schon erwähnt, meine Nagelschere weg. Sonst war alles gut. Ich fühlte mich schon sehr flugerfahren, und wanderte in Richtung Wartebereich. Noch 45 Minuten … die würde ich jetzt auch irgendwie hinter mich bringen.

Vor dem Fenster sah man jetzt auch endlich Flugzeuge! Wahnsinn, so große Dinger! Wo war denn meins? Bestimmt beim Tanken. Mir fiel mein großer Enkel ein. Als er noch nicht so gut sprechen konnte wie jetzt, gehörte trotzdem das „Luckleuck“ sehr früh zu seinem aktiven Wortschatz. Eines Morgens baute er ein Luckleuck aus mehreren Spielsteinen. Er besitzt auch ein Feuerwehrauto, davon nahm er den Schlauch und hielt ihn in das Luckleuck. Immer wieder, mit den Worten: „Lauch kommt!“, betankte und betankte er das Fluggerät. Ich versuchte, korrektes Deutsch ins Spiel zu bringen und sagte: „Schlauch!“ Mein großer Enkel lachte und sagte: „Ja, Lauch kommt!“

Die brauchen ganz schön viel Lauch, umweltfreundlich ist das ja nicht. Mein Luckleuck war immer noch nicht in Sicht, ich wurde müde und ließ den Kopf auf den Rucksack sinken. Zwölf!!! Minuten vor Abflug weckte mich eine Lautsprecherdurchsage, dass der Flug nach Madrid nicht!!! von Gate C42 abgeht, sondern von C36. Jetzt aber schnell! Mannomann, so eine Pilgerreise sollte doch eigentlich der Entschleunigung und Selbstbesinnung dienen … ich packte den Rucksack und rannte zum richtigen Gate. Dort und auch im Flugzeug wurde ich schon erwartet. Lauter Spanier drin … ich ließ die Jakobsmuschel hinten aus dem Rucksack raushängen und lächelte freundlich nach links und rechts. Leider waren die Fächer fürs Handgepäck schon vollständig belegt, also nahm ich den Rucksack samt Jakobsmuschel zwischen meine Knie. Ich hatte einen Fensterplatz und einen netten Sitznachbarn, der mich mit einem Schwall spanischer Wörter übergoss. Ich hörte „Peregrina“ und „Camino“ heraus und nickte. Dann ging’s auch schon los: Schnell, schneller, am schnellsten und nach oben, direkt in den Sonnenuntergang. Meine Güte, war das schön!

* Fortsetzung folgt *

 

 

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