Noch siebzehn Mal schlafen. Je näher mein Abreisetermin rückt, umso mehr machen sich verschiedene Gefühle breit: Aufregung, Vorfreude, Unsicherheit, Spannung. Habe ich an alles gedacht? Bestimmt nicht. Was fehlt noch? Nicht mehr viel! Kann ich genug Spanisch? Sicher nicht 🙂 Fremdsprachen sind nicht so mein Ding. Ja, ich habe ein bisschen Spanisch gelernt, und ich habe Hände, Füße und ein Wörterbuch dabei. Außerdem habe ich spanische Gene. Nicht wirklich, aber im übertragenen Sinne schon. Dies wird eine Opa-und-Oma-Geschichte, die nicht ohne Spanisch auskommt.

Es war nämlich so, dass mein Opa im Alter von 20, 21 Jahren zwei Jahre lang in Venezuela war. Er reiste dorthin als Begleitung seines Arbeitgebers, ein Schuss Abenteuerlust war sicher auch dabei. Angeblich soll ihm dort eine junge Venezolanerin nachgestellt haben. Über die weiteren Umstände ist mir nichts bekannt – die Liebe muss aber einseitig gewesen sein, denn er ergriff die Flucht und kam nach Deutschland zurück. Dann lernte er meine Oma kennen, das Ergebnis sitzt jetzt hier und schreibt. Geblieben ist ihm seine Liebe zur spanischen Sprache. Solange ich mich erinnern kann, hatte er eine spanische Zeitschrift abonniert. Und ich kam in den Genuss eines unvergleichlichen Schlafliedes, das er mir immer und immer wieder vorsang. Ein Lied, bestehend aus vier Kuhnamen und drei Tönen.

Die Kuhnamen:

Vaca brava – wilde Kuh

Inglaterra – die englische

Catalana – die katalanische

Robasusia – keine Ahnung, was das heißt

Die Töne:

e – g – c – c

Kuhnamen und Töne werden fortlaufend wiederholt, während man das schlaf(un)willige Kind wiegt, schaukelt, oder auch nur am Bettchen sitzt. Das Einschlaflied wirkt immer. Es wirkte bei mir, bei meinen Kindern und jetzt bei meinen Enkeln. Es ist eintönig, langweilig, beruhigend und wunderschön. Kinder lieben es – und bei Bedarf kann man vor dem Einschlafen noch eine Kuhgeschichte erzählen. Das habe ich vorgestern gemacht.

Und jetzt erzähle ich dir noch eine Geschichte!“

Mein großer Enkel schaut ungläubig drein.

Oma, du hast ja gar kein Buch dabei!“

Das brauche ich nicht, ich hab die Geschichte im Kopf.“

Ein staunender Blick, einfach so, im Kopf? Ja klar, das sind die besten Geschichten überhaupt. Man kann sie anpassen, auf den Tag eingehen, damit Ängste abbauen und Wünsche erfüllen. Aufpassen muss ich nur, wenn ich die Geschichte mehrfach erzählen möchte, dass ich keine wichtigen Details vergesse. Aber da macht mich der große Enkel sicher rechtzeitig aufmerksam!

Es war einmal eine bunt gefleckte Kuh, die lebte ganz allein auf einer Weide. Die Kuh wusste nicht, was sie machen sollte, ihr war schrecklich langweilig. Den ganzen Tag nur Gras fressen, mit der Kuhglocke läuten und ab und zu einmal einer Biene nachschauen, das war ihr viel zu wenig. Sie wollte jemanden zum Spielen haben!“

Wie heißt denn die Kuh?“

Robasusia!“

Warum?“

Weil sie so heißt. (Pädagogisch wertvoll!) Aber heute war ihr gar nicht mehr langweilig, denn auf der anderen Seite vom Zaun sah sie plötzlich gleich drei weitere Kühe! Die Robasusia stand auf und trottete zum Zaun. Und schau mal an – da ist ja tatsächlich ein Loch im Zaun!“

Da kann sie ja durch!“

Genau. Und was meinst du, was die vier Kühe jetzt machen?“

Spielen!“

Was spielen die denn?“

Feuerwehr!“

Ab da war das Weitererzählen ganz einfach. Wir ließen die Almhütte brennen, löschten mit Wasser aus dem Bach, legten uns zum Gras futtern und wiederkäuen hin, standen wieder auf und suchten nach einem letzten Brandherd – „Da brennt noch was, da brennt noch was!“ – und waren endlich furchtbar müde vom vielen Löschen. Jetzt war es Zeit zum Einschlafen für Robasusia, Catalana, Inglaterra und Vaca brava. Und für beide Enkel natürlich auch (der Kleine hat zeitweise auch interessiert zugehört und fleißig mitgelöscht: „sch-sch-sch“)!

Ich glaube, mein Opa würde sich richtig freuen, wenn er wüsste, dass die vier Kühe auch heute noch so lebendig sind!

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