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Früher lag immer Schnee an Weihnachten – zumindest in meiner Erinnerung. Als ich fünf, sechs Jahre alt war, wohnte ich mitsamt Großfamilie in einer riesigen Altbauwohnung. Es roch in dieser Wohnung immer nach Essen. Dort kochten drei Frauen in einer großen Wohnküche: Meine Oma, meine Tante und ab und zu meine Mutter. Eine von den dreien war ständig mit irgendeiner Essenszubereitung oder mit Backen beschäftigt.

Wir hatten feste Essenspläne: Die Woche begann mahlzeitentechnisch gesehen am Samstag. Das war der Suppentag, an dem in einem übergroßen Kochtopf Suppenknochen und Rindfleisch aufgesetzt wurden. Diese Suppe musste die ganze Woche reichen. Sie war Basis für zahlreiche Varianten, wurde mit Gemüse, Nudeln, Brätknödeln ergänzt und stellte die wichtigste Zutat für den Kartoffelsalat dar. Am Sonntag war Fleischtag: Braten (Schwein: fein, Rind: naja; Sauerbraten: igitt; Hähnchen: mehr davon!). Dazu: Kartoffelsalat, Knödel oder Spätzle. Montags gab es Reste. Am Dienstag stand ein Auflauf auf dem Programm, den ich je nach Inhalt gut fand oder auch nicht. Mittwochs wurde es eklig: Saure Leber oder gebackene Leber – für meinen Kindergeschmack eigentlich nicht essbar. Die Leber wurde manchmal durch noch Schlimmeres (Nieren, Lunge, Kutteln, Hirn) ersetzt. Grund für die Innereienorgie war: Am Dienstag war in meiner Heimatstadt Schlachttag. Am Mittwoch gab es also beim Metzger frische Innereien. Am Donnerstag: Nudeln. Wir hatten damals schon die ersten Italienurlaube hinter uns, und Tante, Mutter und Oma versuchten sich an eigenwilligen Bolognese-Kreationen. Wobei Oma davon nicht begeistert war und das eingekaufte Hackfleisch meistens zu Fleischpflanzerln verarbeitete. Der Freitag stand im Zeichen von Kaiserschmarrn, Dampfnudeln, Pfannkuchen mit Marmelade, Milchreis, Grießbrei. Manchmal gab’s auch Fisch. Nein, wir sind nicht katholisch. Das ist schon daran zu erkennen, dass es vor den süßen Hauptgerichten gab – na, was wohl? Fleischsuppe!

Dieser feste Plan wurde jahreszeitlich bedingt abgeändert. Bei meiner anderen Oma, die nur wenige hundert Meter entfernt wohnte, gab es einen großen Obst- und Gemüsegarten, so dass wir oder vielmehr die Köchinnen in meiner Familie den Gartenertrag mitverarbeiteten.

Gebacken wurde ebenfalls exzessiv. Hefezopf fürs Frühstück, immer freitags, pro Blech zwei Zöpfe, jeden Freitag mindestens zwei Bleche, manchmal mehr. Der Zopf hieß „Kranz“, obwohl er länglich war, nicht rund. Dazu Kuchen. Hauptsächlich gab es Obstkuchen: Im Winter Apfelkuchen, im Sommer Erdbeerkuchen. Wenn es mal keine ordentlichen Erdbeeren gab, wich man problemlos auf Dosenpfirsiche aus. Grundlage war ein luftiger Biskuitboden, so gut, wie ich ihn selbst auch nach jahrelangem Üben nicht hinbekomme. Die besten Kuchen gab’s im Spätsommer: Zwetschgendatschi in rauen Mengen, Blech für Blech. Den kann ich genauso gut.

Und dann war es auch schon bald an der Zeit für die Weihnachtsbäckerei. Das gefiel mir ausnehmend gut, besonders angenehm fand ich aber, dass die weihnachtlichen Backdüfte den fleischlastigen sonstigen Essensgeruch in der Wohnung überdeckten.

Schon Tage vor dem Heiligen Abend wusste ich, jetzt kann es nicht mehr lange dauern, denn jetzt behauptete sich neben dem Duft nach Weihnachtsgebäck ein weiterer, unüberriechbar: Sauerkraut, ohne das ein Heiliger Abend absolut nicht vorstellbar war. Dieses Kraut musste zwingend mehrfach aufgewärmt sein, damit es die richtige Konsistenz und den perfekten Geschmack für Weihnachten hatte. Meine Oma hat einmal in einer der wenigen Kochzeitschriften, die es damals gab, ein Rezept für Champagnerkraut mit Ananas entdeckt. Champagner? Undenkbar, wir waren sparsam. Aber es stand noch ein Fläschchen Spätlese herum. Hinein damit ins Kraut! Ananas aus der Dose mitsamt Saft: ebenfalls hinein damit ins Kraut!

Es roch nun nicht nur nach Sauerkraut und Plätzchen, sondern auch noch nach Glühwein. Wie das angepasste „Champagner-Ananas-Kraut“ geschmeckt hat, weiß ich nicht mehr. Ich weiß aber noch, dass es ein fröhliches Weihnachtsfest war. So wie jedes Weihnachtsfest in meiner Kindheit.

Um jetzt endlich auf den Titel zurückzukommen: Selbstverständlich hat es jedes Jahr an Weihnachten geschneit! Während die drei Frauen mit der Zubereitung der gewaltigen Essensmengen beschäftigt waren, kniete ich auf der Eckbank in der Küche und sah den Schneeflocken zu, die am Fenster vorbei tanzten. Am späteren Abend, wenn meine Mutter und ich nach dem großen Sauerkraut-mit-Würstchen-Essen und der häuslichen Bescherung zu Fuß zu meinen anderen Großeltern gingen, lag IMMER eine dicke Schneedecke. Der Schnee knirschte unter unseren Füßen, er glitzerte unbeschreiblich schön. Schnee lag auf den Büschen und Bäumen, Schnee lag auf den Dächern. Für mich war diese weiße Decke der Inbegriff des Weihnachtsfriedens.

Diesen Frieden wünsche ich allen meinen Leserinnen und Lesern. Er ist wichtiger als Geschenke – und er kann überall einkehren, wenn man ihm die Tür öffnet.

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